Sechs Säcke aufkeimenden Lebens
Bei mir unten im Haus befindet sich der Salon des Coiffeurs Karl-Heinz und ein Laden, in dem alte, gammelige Teppiche als Kunstobjekte verkauft werden. Im Nebenhaus gibt es ein neues asiatisches Restaurant, das den sinnreichen Namen “Wok & Roll” führt. Heute morgen lagen vor dem verschlossenen Eingang sechs Plastiksäcke mit Sojasprossen. Das Leben der Sojasprosse ist ein kurzes, finsteres. Noch bevor man der jungen Sprosse die Chance gibt, zu photosynthetisieren, wird sie ihres jungen, aufkeimenden Lebens beraubt und landet im Kochtopf. Es müssen Tag für Tag Billionen Sprösslinge sein, die so vergehen, kaum dass sie geboren sind, wenn allein dieses eine Restaurant einen täglichen Verbrauch von sechs Säcken verzeichnet.
In diesem Sinne werde ich heute für das kaum geborene Leben eine Schweigeminute einführen.